Deutsch-arabische Kommunikation

20. Juli 2011

Veröffentlichungen

Kulturelle Aspekte in arabisch-deutschen Beziehungen

„Welcome“ ist das wohl weitestverbreitete englische Wort in der arabischen Welt. So viel Aschnabi („Ausländisch“) spricht dort fast jeder – schließlich gilt Gastfreundschaft als wichtige Tugend. Während die Fremdsprachenkenntnisse bei einigen Arabern bei „welcome“ leider schon aufhören, sprechen arabische Geschäftsmänner meist fließend Englisch. Eine gelingende Kommunikation mit ihnen müsste damit gewährleistet sein. Könnte man meinen. Doch dagegen sprechen Erfahrungen von Deutschen, die von viel Misstrauen zwischen deutschen und arabischen Geschäftspartnern berichten. Sie beklagen, dass Araber häufig festgesetzte Konditionen neu verhandeln wollen1 oder Kritik schnell als Beleidigung auffassen.2 Diese und weitere Probleme führen nicht selten zum Scheitern von Geschäftsbeziehungen. Araber seien fanatisch religiös, frauenfeindlich, chaotisch, autoritätshörig, unaufrichtig und korrupt3 – so das Ergebnis einer Studie zu Stereotypen über Araber von Elias Jammal und Ulrike Schwegler.

Wer sich von diesen Bildern im Kopf leiten lässt, begegnet Arabern sehr voreingenommen. Er versäumt die Möglichkeit, sein Gegenüber zu verstehen und in einen echten Austausch mit ihm zu treten. „Stereotype und Vorurteile stellen eine konterproduktive Einengung der Wahrnehmungs-, Interpretations- und Handlungsspielräume der Akteure dar“,4 halten Jammal und Schwegler fest. Sie beeinträchtigen den Verarbeitungsprozess der Informationen dahingehend, dass über die Fremdgruppe tendenziell eher Negatives erinnert wird.5 Unbekannte Verhaltensweisen werden vom eigenen Standpunkt aus betrachtet und oft als minderwertig beurteilt. Dieses Phänomen nennt man Ethnozentrismus. Geht man hingegen davon aus, dass alle Kulturen zwar different aber trotzdem gleichwertig sind, kann die eigene kulturelle Prägung in Relation gesetzt werden.Im Folgenden werden einige wichtige kulturelle Charakteristika der arabischen Länder vorgestellt. Damit einhergehende Verallgemeinerungen in Bezug auf „die Araber“ sollen nicht zur Bildung von weiteren Stereotypen führen. Vielmehr soll der Leser dazu befähigt werden, einen neuen Blickwinkel einzunehmen, der Verstehen von vormals unerklärlichen Verhaltensweisen ermöglicht.

Deutsch-arabische Kommunikation: Vom Umgang mit Zeit

Der US-amerikanische Psychologieprofessor Robert Levine hat in insgesamt 31 Ländern Zeitmessungen durchgeführt. Fragen, die er stellte, waren: „Wie hoch ist die Gehgeschwindigkeit?“ oder „Wie lange ist die Bedienungszeit bei der Post?“ Während Deutschland in der Gesamtbewertung auf Platz drei der untersuchten Ländern landete, befinden sich Jordanien und Syrien auf den Plätzen 26 und 27.6 Ein Grund hierfür könnte das monochrone Verständnis von Zeit sein, das bei Deutschen vorherrscht. Hierzulande wird eine Aufgabe bevorzugt von Anfang bis Ende bearbeitet, um sich im Anschluss der nächsten zu widmen. Zeit wird als linear angesehen. In Gesellschaften mit polychronem Zeitverständnis werden dagegen oft mehrere Dinge parallel erledigt. Zeit wird als zirkuläres Konzept betrachtet.7

Polychrones Zeitverständnis und Termine mit arabischen Geschäftspartnern

Bei Terminen mit arabischen Geschäftspartnern ist es aufgrund des polychronen Zeitverständnisses durchaus üblich, dass zwischendurch Telefonanrufe entgegen genommen werden oder unangemeldete Besucher begrüßt werden. Streng religiöse Muslime unterbrechen ihre Geschäftstreffen auch, um dem Aufruf zum Gebet nachzukommen. Hier ist beim deutschen Partner Toleranz und Geduld gefragt. Wer kein Verständnis für das arabische Zeitmanagement zeigt, hat möglicherweise schlechte Karten: „Tritt jemand unter Zeitbedrängnis auf, gilt dies in den Augen der Einheimischen als ein Grund, diesem gegenüber besonders misstrauisch zu sein.“8 Die deutsche Pünktlichkeit ist bekannt. Daher wird auf eine Verspätung des deutschen Geschäftspartners unter Umständen verärgert reagiert, da dies ein Ausdruck der Missachtung sein könnte.9 Wenn Araber dagegen eine Person bei einem vereinbarten Termin warten lassen, ist das nicht automatisch ein Zeichen mangelnden Anstandes: „Unter Berücksichtigung der sozialen Komponente bleibt (…) in manchen Situationen keine andere Alternative, als einen Partner warten zu lassen, um nicht einen anderen unhöflich abzuweisen, den man zufällig getroffen hat.“10 Im Gegensatz zu Terminen haben zwischenmenschliche Beziehungen einen sehr hohen Stellenwert.

Beziehungsnetze in arabischen Ländern

Die arabischen Länder sind stark vom Kollektivismus geprägt. Menschen in kollektivistischen Gesellschaften nehmen sich in erster Linie nicht als autonome Individuen, sondern als Mitglieder einer Gruppe von sozialen Bezugspersonen wahr. Sie versuchen, ihre persönlichen Ziele in Übereinstimmung mit dieser Gruppe zu erreichen.11 Deutsche Geschäftsleute sind mitunter überrascht vom kollektivistischen Prinzip – zum Beispiel, wenn der erste arabische Redner auf einer internationalen Konferenz in Dubai seine Zuhörer mit „Brüder“ anspricht.12 Erfolgreich ist, wer mit den richtigen Leuten verwandt oder befreundet ist. Diese goldene Regel wird oft als korrupte „Vetternwirtschaft“ interpretiert und abgelehnt – insbesondere, wenn der ausländische Geschäftsmann mit seinen Partnern nur auf der Sachebene kommuniziert und (noch) kein Teil des Beziehungssystems ist. „Beziehungen und Politik spielen eine viel größere Rolle als die Leistung“,13 wird desillusioniert beklagt.

Beziehungsorientierung vs. Sachorientierung und Individualität

Im Kontrast dazu steht folgende positive Beurteilung der starken Beziehungsorientierung: „Wenn man einmal einen guten Eindruck bei einem Ägypter gemacht hat, braucht man sich keine Sorgen zu machen, dass er einen beim nächsten Mal vergisst.“14 Wer sich auf die kollektivistische Gesellschaft einlässt, wird in der Regel in kurzer Zeit in das Beziehungsnetz involviert. Die meisten Araber schließen schnell Freundschaften. Neben persönlicher Zuneigung spielt dabei auch der praktische Nutzen der neu geknüpften Beziehung eine Rolle. Nach der Devise „Eine Hand wäscht die andere“ stehen Freunde gegenseitig beieinander in der Pflicht, dem Anderen so gut wie möglich weiterzuhelfen und ihm seine Gunst zu bezeugen.15 Einem Freund zu helfen ist nicht nur ein Gebot, sondern auch Ehrensache. Der Kollektivismus drückt sich im Alltag dadurch aus, dass insbesondere (Groß-) Familien soviel Zeit wie möglich miteinander verbringen. Gesellschaft zu haben wird positiv assoziiert, wohingegen Alleinsein oft mit Einsamkeit gleichgesetzt wird. Bei Arabern stößt es daher auf Unverständnis, wenn ein Geschäftsreisender einer Einladung zu einem gemeinsamen Abend das eigene Hotelzimmer vorzieht, zumal Gastfreundschaft eng mit dem eigenen Ansehen verknüpft ist: „Ein Rückzug in die (deutsche) Privatheit, Anonymität, Individualität ist für die Bewohner am Golf irritierend und kann leicht als Beleidigung empfunden werden bzw. stößt auf bedauerndes Nachfragen.“16

Kommunikation auf arabische Art

Die hohe Beziehungsorientierung der Araber zeigt sich nicht nur in dem (aus deutscher Sicht) „ständigen Aufeinanderhocken“, sondern auch in der Ausdrucksweise: „Die Golfaraber pflegen eine persönlichere und deutlich emotionalere Kommunikation als Deutsche.“17 Das beginnt schon bei der Begrüßung. Der Gastgeber drückt seine Hochachtung gegenüber dem Gast und Freude über dessen Besuch meist durch ein Ahlan oder Ahlan wa sahlan aus, was etwa dem Deutschen „Willkommen“ entspricht. Häufig wird das Wort im Laufe des Gesprächs nochmals wiederholt oder auch als mehrfaches „welcome“ in die englischsprachige Unterhaltung übernommen.18 Beim Händeschütteln unter Männern ist ein lockeres und vor allem langes Händehalten üblich, während man sich ausgiebig nach dem Befinden des Gesprächpartners und dessen Familie erkundigt. Angehörige desselben Geschlechts, die sich nahe stehen, begrüßen sich mit Küsschen auf die Wangen. Allein in der syrischen Umgangssprache gibt es vier verschiedene Ausdrücke für die Frage „Wie geht’s?“, von denen oft mehrere hintereinander gebraucht werden. Neben einem säkularen „Danke, gut“ oder einem religiösen Alhamdulillah („Gott sei gelobt“) ist eine häufige Antwort „Ich habe dich vermisst“. Die stark emotional gefärbte Ausdrucksweise lässt vermuten, dass Araber sehr offen kommunizieren. Dies täuscht jedoch. „Der Anteil des explizit und eindeutig Gesagten im Verhältnis zur Gesamtinformation einer Situation ist (…) relativ gering.“19

Deutsche sollten sich – nicht nur im Kontakt mit Arabern – bewusst machen, dass sie eine sehr direkte und klare Art haben, Probleme anzusprechen und sich auszudrücken.20 Wenn Araber „ja“ sagen, meinen sie womöglich „nein“, was sich nur mit einem „Zwischen-den-Zeilen-Lesen“ erkennen lässt. Der Anteil der nichtsprachlichen Botschaft spielt bei ihnen eine wichtige Rolle: „Aufgeregtes Gestikulieren, lautes Sprechen und ein Wechsel von freundschaftlichem Plaudern und dramatischen Ausbrüchen prägen das Gespräch.“21 Zudem sind Unterbrechungen des Gesprächpartners nicht nur üblich und keineswegs ein Zeichen von Unhöflichkeit. Vielmehr signalisieren sie das große Interesse am Thema und die damit verbundene Wertschätzung des Gegenübers.22

Die Rolle der Religion

Die zentrale Stellung des Islam spiegelt sich in zahlreichen arabischen Redewendungen wieder, die zum Teil auch von arabischen Christen benutzt werden. Gläubige Muslime beginnen viele Tätigkeiten (beispielsweise Mahlzeiten und öffentliche Reden) mit Bismillah („im Namen Gottes“).
Eine andere häufig gebrauchte Formel ist Inschallah („wenn Gott will“). Das Inschallah im Zusammenhang mit Zusagen, bis wann eine Aufgabe erledigt wird, interpretieren einige Nichtaraber aufgrund negativer Erfahrungen als Ausrede für zukünftige Verzögerungen. Zumindest bei religiösen Gesprächspartnern ist dies jedoch nicht beabsichtigt. „Da nur Gott über das Schicksal der Menschen sowie über die Zeit bestimmen kann, bleibt dem Ägypter nichts anderes übrig, als sich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Eine Aussage über die Zukunft ohne das Hinzufügen von ‚Inshallah‘ wird deshalb als Blasphemie verstanden.“23

Während die vorangegangenen Aussagen über kulturelle Aspekte unter Vorbehalt auf den gesamten arabischen Raum bezogen werden können, ist die Auslegung und Praktizierung des Islam deutlich pluralistischer. Jammal und Schwegler stellen fest, dass diesbezüglich eine falsche Fragestellung dominiert: Statt „Was sagt der Islam zu…?“ sollte man fragen „Was sagen Muslime in … darüber, was der Koran zu … sagt?“24 So wird beispielsweise in Saudi-Arabien eine streng wahabitische Geschlechtertrennung praktiziert, die in anderen arabischen Ländern undenkbar wäre. Auch innerhalb der Länder bestehen teilweise große regionale Unterschiede, die nicht nur auf dem Gefälle zwischen Stadt und Land basieren, sondern auch durch Ballungsgebiete von verschiedenen konfessionellen Gruppen bedingt sind.Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es sowohl für berufliche als auch private Beziehungen wichtig ist, sich kultureller Unterschiede bewusst zu werden. Die in diesem Artikel aufgeführten Aspekte zeigen deutlich, wo Konflikte in deutsch-arabischen Begegnungen entstehen könnten. Durch ein reflektiertes Wahrnehmen von fremder und eigener Kulturgebundenheit können Missverständnisse vermieden werden.
Mareike Krebs

Linktipp:

Seminar zum Themenfeld: Interkulturelles Training Arabische Länder

Fußnoten

1 vgl. Jammal/Schwegler (2007): 41
2 vgl. Jammal/Schwegler (2007): 43
3 vgl. Jammal/Schwegler (2007): 37ff.
4 Jammal/Schwegler (2007): 17
5 vgl. Jammal/Schwegler (2007): 65
6 vgl. Levine (2009): 181
7 vgl. Reimer-Conrads/Thomas (2009): 66
Die Einteilung in monochrone und polychrone Zeit geht auf Edward T. Hall zurück (siehe bspw. Hall, Edward T. (1990): Understanding Cultural Differences. Yarmouth: Intercultural Press.13ff.)
8 Reimer-Conrads/Thomas (2009): 49
9 vgl. Reimer-Conrads/Thomas (2009): 58
10 Amin (2003): 215
11 vgl. Layes (2005): 62
12 vgl. Jammal/Schwegler (2007): 191
13 Jammal/Schwegler (2007): 41
14 Jammal/Schwegler (2007): 40
15 vgl. Reimer-Conrads/Thomas (2009): 45
16 Reimer-Conrads/Thomas (2009): 34
17 Reimer-Conrads/Thomas (2009): 50
18 Jammal/Schwegler (2007): 161f.
19 Amin (2003): 218
20 vgl. Schroll-Machl, Sylvia (2003): 163ff.
21 Amin (2003): 218
22 vgl. Jammal/Schwegler (2007): 162
23 Amin (2003): 213
24 vgl. Jammal/Schwegler (2007): 149

Literatur

Amin, Abbas (2003): Ägypten. In: Thomas, Alexander/Kammhuber, Stefan/Schroll-Machl, Sylvia (Hrsg.): Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation. Band 2: Länder, Kulturen und interkulturelle Berufstätigkeit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S.211-224
Jammal, Elias/ Schwegler, Ulrike (2007): Interkulturelle Kompetenz im Umgang mit arabischen Geschäftspartnern. Ein Trainingsprogramm. Bielefeld: transcript.
Layes, Gabriel (2005): Kulturdimensionen. In: Thomas, Alexander/Kinast, Eva-Ulrike/Schroll-Machl, Sylvia (Hrsg.): Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation. Band 1: Grundlagen und Praxisfelder. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S.60-73.
Levine, Robert (2009): Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen. München: Piper. 15. Auflage.
Reimer-Conrads, Thomas/ Thomas, Alexander (2009): Beruflich in den arabischen Golfstaaten. Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Schroll-Machl, Sylvia (2003): Doing Business with Germans. Their Perception, Our Perception. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Zitierweise
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