Diskriminierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund am Ausbildungsmarkt

26. Januar 2015

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Ausbildung in den Zeiten des Fachkräftemangels

Handlungsbedarf in Politik und Wirtschaft, Arbeit für interkulturelle TrainerInnen: Der Anteil der deutschen Ausbildungsbetriebe, die noch nie einen Azubi mit Migrationshintergrund eingestellt haben, liegt laut einer neuen Bertelsmann-Studie bei 60 Prozent! Sehen Sie dazu eine aktuelle Pressemitteilung der Bertelsmann Stiftung: „Migrationshintergrund erschwert Suche nach Ausbildungsplatz„.

14 Prozent davon befürchten, kulturelle Differenzen könnten das Betriebsklima belasten; eine ähnlich hohe Anzahl von Betrieben erklären, sie seien für den Umgang mit kulturellen Unterschieden nicht vorbereitet. Mehr als doppelt so viele, nämlich 38 Prozent, äußerten die Sorge, dass die Ausbildung junger Menschen mit ausländischen Wurzeln aufgrund von Sprachbarrieren mit erhöhtem Aufwand verbunden sein könnte (siehe Statistik „Gründe für fehlende Auszubildende mit Migrationshintergrund„)

Hier liegt der Gedanke nahe, dass diese Bedenken zumindest teilweise auf mangelnder Erfahrung sowie Vorurteilen beruhen, denn: Drei Viertel der Betriebe, die bereits Azubis aus Zuwandererfamilien ausbilden, bewerten diese Zusammenarbeit als erfolgreich.

Keine Bewerbungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund?!

Zweifelhaft scheint auch die Angabe von gut drei Vierteln der Betriebe mit ausschließlich deutschen Azubis, sie würden keine Bewerbungen von ausländischstämmigen Jugendlichen erhalten. Dabei haben heute mehr als ein Viertel der Jugendlichen in Deutschland ausländische Wurzeln. Wie aus einer exemplarischen Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration vom März 2014 hervorgeht, müssen männliche türkische Jugendliche im Durchschnitt sogar zwei Bewerbungen mehr schreiben als ihre deutschen Altersgenossen, um überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Gleichzeitig würden Bewerber mit türkischen Namen häufiger komplett ignoriert und bekämen überhaupt keine Rückmeldung: „Bewerber mit einem deutschen Namen haben eine um17 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, eine Rückmeldung auf ihre Bewerbung zu bekommen“, so das Fazit der Studie vom März 2014 (S.27). Weitere Informationen zu der Studie unter: „Diskrimination am Ausbildungsmarkt

Gesamtbetrachtung der Chancen ausländischstämmiger Jugendlicher

Noch drastischer fällt das Ergebnis der aktuellen Bertelsmann-Studie in der Gesamtbetrachtung der Chancen ausländischstämmiger Jugendlicher aus: So finden 71 Prozent der Bewerber mit Migrationshintergrund, die einen mittleren Bildungsabschluss haben, keinen Ausbildungsplatz. Und auch wenn 40 Prozent der insgesamt 450.000 deutschen Ausbildungsbetriebe bereits einmal oder öfters Ausbildungsstellen an Azubis mit ausländischen Wurzeln vergeben haben, so lag der Anteil der Betriebe, die zum aktuellen Zeitpunkt der Befragung einen oder mehrere solcher Azubis beschäftigten, bei lediglich 15 Prozent. Angesichts des Fachkräftemangels in der deutschen Wirtschaft bleibt hier ein großes Potenzial an Nachwuchs für den Arbeitsmarkt ungenutzt. Zu dieser Ansicht kam auch der siebte deutsche Integrationsgipfel im November 2014: Nach wie vor existiere Diskriminierung bei der Ausbildungsplatzvergabe (Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 1.12.2014).

Verantwortung liegt bei den Unternehmen

Nach Ansicht der Autoren der Bertelsmann-Studie, Prof. Ruth Enggruber und Prof. Josef Rützel, sind es nicht die Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die ihre Bewerbungsaktivitäten verstärken müssen, im Gegenteil: Man müsse nach Wegen suchen, wie die Ausbildungsbetriebe verstärkt für die Einstellung von Azubis mit ausländischen Wurzeln gewonnen werden können (S.32). Auf der Unternehmensseite besteht durchaus Interesse an Unterstützung: Zwei Drittel aller für die Bertelsmann-Studie befragten Unternehmen, ob mit oder ohne Erfahrung mit ausländischstämmigen Azubis, wünschen sich mehr Transparenz darüber, wo Unterstützungsleistungen wie etwa Sprachkurse beantragt werden können (S.47).

Kommunikationstrainings gehören bereits zum Standardangebot

Handwerkskammern und IHK in ganz Deutschland bieten bereits Knigge-Seminare für Azubis an, die den jungen Menschen korrektes Verhalten in Sachen Umgangsformen und Kundenkontakt vermitteln. Auch im interkulturellen Bereich wären solche Seminare – übrigens auch für die Arbeitgeberseite, also für Ausbilder und Belegschaft – für alle Beteiligten sinnvoll und bereichernd. Denn auch hier geht es schlussendlich um nichts mehr und nichts weniger als gelungene Kommunikation und erfolgreiche Zusammenarbeit – und damit um das friedliche Zusammenleben in Deutschland und die Gestaltung unserer gesellschaftlichen Zukunft.

Weiterführende Literatur

  1. Interkulturelle Öffnung und Diversity Management – Artikel über Möglichkeiten von Unternehmen und Organisationen, auf den gesellschaftlichen Wandel zu reagieren
  2. Interkulturelle Kompetenz – Grundlagenartikel zum Thema interkulturelle Kompetenz mit Begriffsklärungen, Hintergründen sowie Modellen

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