Lernkultur Deutschland – Türkei – Vietnam: Ein interkultureller Vergleich

7. Juli 2015

Blog Pressespiegel

„Wie lernen deine Kinder?“

(Vietnamesische Begrüßungsfloskel)
Alle Kinder in Deutschland gehen in die Schule – prima. Und weiter? Kinder von asiatischen – in diesem Fall vietnamesischen – Zuwanderern erzielen statistisch herausragende Leistungen, während Kinder türkischer Zuwanderer leistungsmäßig das Schlusslicht bilden. Ein Interview der ZEIT mit Bildungsforscher Andreas Helmke beleuchtet die kulturellen Hintergründe dieser Beobachtungen.

Konfuzianische Werte: Lernen und Respekt

Wer ein wenig über die konfuzianisch geprägten ostasiatischen Kulturen weiß, kann sich den Erfolg der vietnamesischen Schulkinder und Studierenden leicht erklären. Dem Lernen kommt hier allgemein ein hoher Stellenwert zu, und ebenso nimmt der Lehrer eine wichtige Position ein. Respekt gegenüber Älteren, also Lehrern und Eltern, ist selbstverständlich, und mit besten Leistungen erfüllt das Kind seine Pflicht gegenüber diesen Respektspersonen. Begabung ist Nebensache und „mangelnde Begabung“ wird nicht als Ausrede akzeptiert: Anstrengung ist der Schlüssel zum Erfolg. Schlechte schulische Leistungen des Nachwuchses bedeuten somit einen Gesichtsverlust für die Eltern – das ist nach Helmke die Schattenseite dieser erfolgreichen und leistungsorientierten Lernkultur. Die ganze Familie steht entsprechend unter Druck und vietnamesische Eltern tun folgerichtig auch in Deutschland alles, um ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen: Sie haben Noten und anstehende Klassenarbeiten stets im Blick und stehen ihren Kindern ganz selbstverständlich als „Co-Lehrer und Trainer“ zur Seite.

Verantwortung für den Lernerfolg

Auch im deutschen Schulsystem wird vorausgesetzt, dass die Eltern einen Teil der Verantwortung für den Lernerfolg ihrer Kinder übernehmen, indem sie beispielsweise für Unterstützung bei den Hausaufgaben sorgen oder Nachhilfeunterricht organisieren. Hier zeigt sich jedoch bei den zugewanderten türkischen Eltern im Vergleich mit den vietnamesischen oder deutschen ein deutlich weniger „schulkonformes“ Verhalten.

Lehrer als Experten

Natürlich wünschen sich auch die türkischen Eltern gute schulische Leistungen von ihrem Nachwuchs. „Wie bei fast allen Einwanderern sind die Bildungsambitionen auch bei türkischen Eltern überdurchschnittlich groß“, so betont Helmke, und unterstreicht bei dieser Gelegenheit, dass zum Schulerfolg türkischstämmiger Schüler reichlich Fehlinformationen kursieren: „Die Zahl türkischstämmiger Jungen und Mädchen, die ein Gymnasium besuchen, hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren fast verdoppelt“. Dennoch verstehen Eltern türkischer Herkunft laut einer Untersuchung des Soziologen Aladin El-Mafaalani ihre Rolle im Bildungssystem als weniger aktiv: Sie verlassen sich weitgehend auf die Schule. Die Lehrer seien für sie die Experten, die ihre Kinder unterrichten und erziehen, so fasst Helmke den Befund der Studie zusammen.

Integration erhöht die Leistung – gilt das wirklich für alle Migrantengruppen?

Höchst interessant vor dem Hintergrund der Integrationsdebatte ist die Beobachtung, dass Kinder aus vietnamesischen Familien in der Schule erfolgreich sein können, obwohl sie im Elternhaus weiterhin vietnamesisch sprechen. Die Annahme, dass sich eine vollkommene sprachliche Integration in jedem Fall positiv auf die Schulleistung auswirkt, muss somit hinterfragt und weiter differenziert werden – und zwar unter weitaus stärkerer Berücksichtigung der kulturellen Dimension.

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