Trinkgeld weltweit: Was uns die Trinkgeldfrage über die Kultur eines Gastlandes verrät

26. Juni 2015

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No tip please, we‘re Japanese

Während ein Fehler bei der Höhe des Trinkgelds in den USA dazu führt, dass ein besorgter Kellner sich erkundigt, ob mit dem Service etwas nicht in Ordnung gewesen sei, werden dem deutschen Touristen, der in einem Restaurant in Tokio trotz gegenteiliger Ratschläge im Reiseführer sein Wechselgeld als Trinkgeld zurücklässt, die überzähligen Münzen bis auf die Straße hinterhergetragen.

Was sich in solchen immer populären Streifzügen durch die Bräuche und Gepflogenheiten ferner Länder als exotisch, „typisch …“ oder einfach fremd darstellt, lässt sich mit Hilfe von Kulturtheorien ein wenig differenzierter einordnen.

In den Kulturen, in denen das Geben von Trinkgeld üblich ist, wird dadurch die sogenannte Reziprozitätsnorm erfüllt. Diese besagt, dass Gleiches mit Gleichem vergolten werden soll, z.B. Geschenke oder Einladungen mit Gegengeschenken bzw. Gegeneinladungen.1

Darüber hinaus lassen sich Trinkgeldbräuche aber auch mit den vom niederländischen Kulturtheoretiker Geert Hofstede formulierten Kulturdimensionen in Verbindung bringen. So ist das Geben von Trinkgeld in den sogenannten „femininen“ Gesellschaften, also Gesellschaften, die hohen Wert auf Kooperation, Bescheidenheit und soziale Gleichbehandlung legen, weitgehend unüblich. Hier liegt die Haltung zugrunde, dass Fürsorge keiner finanziellen Gegenleistung bedarf, sondern wechselseitig gewährt wird.2 Zu dieser Ländergruppe zählen in Europa die skandinavischen Länder sowie die Niederlande.

Das Geben von Trinkgeld ist dagegen sowohl in den individualistisch als auch in den kollektivistisch geprägten Gesellschaften üblich, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. In einer individualistischen Gesellschaft mit starker Leistungsorientierung wie z.B. den USA wird die erbrachte Dienstleistung leistungsbezogen honoriert und dabei gleichzeitig der oben erwähnten Reziprozitätsnorm Genüge getan – auf die Leistung folgt eine Gegenleistung. Dadurch wird gleichzeitig die entstandene Schuld getilgt und somit die individuelle Unabhängigkeit zurückgewonnen.

In einer kollektivistisch geprägten Kultur, in der Fürsorge in fest geknüpften sozialen Strukturen mit ausgeprägtem Loyalitätsverhalten gewährleistet wird (z.B. in Familien oder ähnlich eng vernetzten sozialen Gruppierungen), besteht eine soziale Verpflichtung der hierarchisch Höhergestellten gegenüber den niedriger gestellten Dienstleistenden, die sich finanziell im Geben von Trinkgeld äußert. Dies gilt z.B. für Länder wie Brasilien, Griechenland und Pakistan.

Auch der kulturell vorherrschende Umgang mit Ungewissheit beeinflusst die Trinkgeldgepflogenheiten. Denn Ungewissheit ist etwas, das jeder Dienstleistung naturgemäß anhaftet – werde ich eine optimale Behandlung erhalten? Wird der Beauftragte auch sein Bestes geben? Neigt die Kultur zur Ungewissheitsvermeidung, so stellt ein Trinkgeld eine sinnvolle Investition in die Qualität der erwarteten Leistung dar.

Was steckt denn aber nun hinter der Ablehnung von Trinkgeld im Tokioter Restaurant? Die japanische Kultur ist relativ kollektivistisch geprägt und neigt noch dazu zur Ungewissheitsvermeidung. Beides sind Merkmale, die normalerweise eine „Trinkgeldkultur“ auszeichnen sollten. Eine mögliche Erklärung sehen einige Wissenschaftler darin, dass die japanische Kultur ein so starkes Gewicht auf das Vergelten von Gefälligkeiten und das Begleichen von Schulden legt, dass Japaner es tunlichst vermeiden, sich in Gefälligkeits- oder Verpflichtungsverhältnisse mit Fremden, also Ausländern und Touristen, zu verstricken.3

Literatur zum Thema „Trinkgeld weltweit“

1 Müller, S. und Gelbrich, K. Interkulturelle Kommunikation. München: Vahlen, 2014: 163.
2 Ibid., 213.
3 Lynn, M. “Neuroticism and the prevalence of tipping: A cross-country study”. In: Personality and Individual Differences, 17 (1994), 137-138.

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