Integration zugewanderter Ärzte

12. April 2011

Veröffentlichungen

Man mag sich vor dem Bruder fürchten, vor der Mutter oder dem Freund – niemals aber vor dem Arzt!1
Russisches Sprichwort

Einleitung: Integration zugewanderter Ärzte

Die meiste wissenschaftliche Literatur im medizinischen Bereich in Deutschland beschäftigt sich mit Patienten2 mit Migrationshintergrund und wendet sich damit an die einheimischen Ärzte. Den speziellen Schwierigkeiten von zugewanderten Ärzten wurde bisher nur wenig Beachtung geschenkt. Zwar erschienen in den letzten Jahren in verschiedenen medizinischen Fachzeitschriften zahlreiche Artikel über die sogenannten ausländischen Ärzte und ihre Erfahrungen in der Bundesrepublik,3 jedoch behandelt kaum eine Untersuchung die häufig komplizierte Situation dieser Ärzte. Beispielsweise gestaltet sich die Anerkennung der Abschlüsse dieser Mediziner in vielen Fällen als problematisch, so dass viele gezwungen sind, mehrere Jahre in unsicheren Verhältnissen zu arbeiten.

Insgesamt lässt sich in Deutschland diesbezüglich eine etwas paradoxe Entwicklung feststellen: So wurden die Vorschriften im Hinblick auf die Anerkennung der Abschlüsse und den Erhalt der Approbation für die zugewanderten Ärzte allgemein in den letzten Jahren erschwert,4 doch werden die zugewanderten Ärzte aufgrund des sogenannten Ärztemangels aktuell dringend im deutschen Gesundheitswesen benötigt.

Integration zugewanderter Ärzte und Ärztemangel

In den allgemein zugänglichen Medien häufen sich in den letzten Jahren Meldungen über einen drohenden Ärztemangel in Deutschland.5 Medizinische Fachzeitschriften berichten gleichermaßen über dieses vermeintliche Problem.6 Außerdem sollen mehrere Studien diese Tatsache belegen.7 Laut einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstitutes im Jahre 2009 fehlten in den Krankenhäusern 5000 Ärzte.8 In dieser Studie wird die Lage in deutschen Krankenhäusern als „prekärer als bisher angenommen“9 geschildert. Für den sogenannten Ärztemangel lassen sich mehrere Ursachen ausmachen: So werden die Ärzte im Durchschnitt kontinuierlich älter, die neue Generation bleibt aus und viele emigrieren ins Ausland.10 So häufen sich auch die Forderungen an die Politiker, man solle mehr Ärzte aus dem Ausland anwerben.11 Umso unverständlicher erscheint die Tatsache, dass die berufliche Integration der in Deutschland lebenden zugewanderten Ärzte mit so großen Hürden verbunden ist.

Herausforderungen für zugewanderte Ärzte

Im Jahr 2009 lebten circa 23.469 zugewanderte Ärzte in Deutschland. Wenn sie wieder als Arzt arbeiten wollen, bestehen lediglich zwei Möglichkeiten. Entweder benötigt ein Mediziner eine Approbation12 oder eine Erlaubnis zur vorübergehenden Ausübung des ärztlichen Berufes nach § 10 der Bundesärzteordnung. Die Erteilung der Arbeitserlaubnis ist mit einigen zeitlichen und teilweise örtlichen Bedingungen verknüpft.13 Der Erhalt der Approbation ist an die deutsche Staatsbürgerschaft gebunden, so dass diese von den meisten Migranten erst nach einem längeren Aufenthalt beantragt werden darf.14 Um diese zu erhalten, müssen alle zugewanderten Ärzte außerdem eine umfangreiche Prüfung ablegen. Diese sogenannte Gleichwertigkeitsprüfung wirkt teilweise abschreckend und die Durchfallquote ist sehr hoch.15

Die gesetzlichen Regelungen im Bezug auf die zugewanderten Ärzte sind nicht bundesweit geregelt. Eine umfassende Beratung von einer zentralen Stelle existiert nicht. Hinzu kommt noch die fehlende Transparenz von Kriterien zur Bewertung und Erfassung von Entscheidungen. Außerdem gibt es keine Netzwerke, die explizit die zugewanderten Ärzte als Zielgruppe bzw. Mitglieder haben.

Ausblick

Die zugewanderten Ärzte, die wieder in ihrem erlernten Beruf arbeiten möchten, sehen sich also häufig mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert. So müssen sie in manchen Fällen lange und komplizierte bürokratische Hürden bewältigen, bis ihre Abschlüsse anerkannt werden. Darüber hinaus sind die Arbeitsplatzsuche und die Ausübung der ärztlichen Tätigkeit vielfach mit weiteren Schwierigkeiten verbunden.

Der Abbau von Herausforderungen für diese Mediziner würde dem Gesundheitssektor in Deutschland viele Vorteile bringen. Die zugewanderten Ärzte bringen in vielen Fällen eine gute Ausbildung mit. Diese Ärzte haben ein großes Interesse daran, sich schnell zu integrieren, die deutsche Sprache zu erlernen und einen festen Arbeitsplatz zu finden. Darüber hinaus verfügen sie aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung über spezifische Kompetenzen. So können die zugewanderten Ärzte beispielsweise Patienten mit Migrationshintergrund in manchen Fällen besser behandeln als einheimische Ärzte.

Ferner bleibt zu erwarten, dass der steigende Ärztebedarf in Deutschland zu einer verbesserten Arbeitsmarktintegration von zugewanderten Ärzten bzw. zu einer flexibleren Handhabung der Anerkennungsverfahren führen wird. So hat die Politik in der Bundesrepublik bereits reagiert und vor einiger Zeit die Verfahren zur Anerkennung der Berufsabschlüsse gelockert.16

Interkulturelle Kompetenz im Gesundheitsbereich

Die zugewanderten Ärzte und anderes Gesundheitspersonal mit Migrationshintergrund in den verschiedenen Gesundheitseinrichtungen in Deutschland sehen sich mit einigen Problemen aufgrund ihrer Herkunft konfrontiert. Wenn man bedenkt, dass es beispielsweise in den Krankenhäusern durchaus häufig zu Extremsituationen kommt, in denen gegenseitiges Verständnis von größter Bedeutung ist, wird einem die herausragende Rolle der interkulturellen Kompetenz in diesem Bereich erst richtig bewusst. Daher sollten sowohl die zugewanderten Mitarbeiter wie auch ihre einheimischen Kollegen über Kenntnisse auf diesem Gebiet verfügen. Diese können beispielsweise durch entsprechende Kurse erlangt werden.
Alexander Palant

Artikel- und Seminarhinweise zum Thema “Integration zugewanderter Ärzte”

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Fußnoten

1  „Можно страшиться брата, матери, друга, но врача—никогда“.
2 In der vorliegenden Studie wird ohne Diskriminierungsabsichten vorwiegend die maskuline Form verwendet, um die Lesbarkeit zu erleichtern. Sollte es sich ausschließlich um weibliche Personen handeln, so wird dies sprachlich deutlich gemacht.
3  Mladkova, J., Tschechischer Arzt hat sein Glück in Deutschland gefunden, http://www.radio.cz/de/artikel/126090, 2010, letzter Zugriff 21.01.2011.
4  Vgl. Englmann B./ Müller M., Brain Waste, Die Anerkennung von ausländischen Qualifikationen in Deutschland, Augsburg 2007, S. 50.
5  Z. B. O. V.: Verbände legen Studie vor, Mangelware Mediziner, 2010.
6 Z. B. O. V., Ärztemangel: Keine Entwarnung in Sicht, http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/42583/Aerztemangel_Keine_Entwarnung_in_Sicht.htm, 2010, letzter Zugriff 21.12.2010.
7 Kopetsch, T. Dr., Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung, Berlin 2010.
8  Vgl. Mihm, A., In den Krankenhäusern fehlen 5000 Ärzte, 2010,http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E8F5CF89526A04E17B6FA90D1D093E305~ATpl~Ecommon~Scontent.html, letzter Zugriff 21.12.2010.
9 Vgl. ebd.
10  Vgl. Kopetsch, T., Dr., Ärtzewanderung, Das Ausland lockt, Deutsches Ärzteblatt, Jg. 105, Heft 14/4, 2008, S. 716-719, hier: S. 716.
11 Locke, S.,   http://www.faz.net/s/Rub8E1390D3396F422B869A49268EE3F15C/Doc~EDCB95B70F6164E96B5DC2B2BDD015B35~ATpl~Ecommon~Scontent.html, 2010, letzter Zugriff 21.12.2010.
12  Eine Zulassung zu Heilberufen durch den Staat.
13 Vgl. Englmann B./ Müller M., Brain Waste, Die Anerkennung von ausländischen Qualifikationen in Deutschland, Augsburg 2007, S. 51.
14 § 85 AuslG.
15 Ilkun, J./ Groll, T., Ärztemangel, Migranten im Wartestand.
16   Vgl. Schultz, T., Anerkennung ausländischer Abschlüsse Erleichterungen für Einwanderer, 2010, http://www.sueddeutsche.de/karriere/annerkennung-auslaendischer-berufsabschluesse-qualifizierte-einwanderer-1.1012995, letzter Zugriff 15.01.2011.

Literaturverzeichnis

Englmann, Bettina/ Müller, Martina (2007): Brain Waste. Die Anerkennung von ausländischen Qualifikationen in Deutschland. Teilprojekt „Global Competences“. Augsburg: Tür an Tür Integrationsprojekte GmbH.
Ilkun, Jana/ Groll, Tina (2010): Ärztemangel, Migranten im Wartestand.
Mihm, Andreas (2010): In den Krankenhäusern fehlen 5000 Ärzte. http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E8F5CF89526A04E17B6FA90D1D093E305~ATpl~Ecommon~Scontent.html, letzter Zugriff 15.01.2011.
Mládková, Jitka (2010): Tschechischer Arzt hat sein Glück in Deutschland gefunden. Rubrik Forum Gesellschaft. http://www.radio.cz/de/artikel/126090, letzter Zugriff: 15.01.2011.
Kopetsch, Thomas Dr. (2008): Ärtzewanderung. Das Ausland lockt. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 105, Heft 14 (4): 716-719.
Kopetsch, Thomas Dr. (2010): Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung. 5. aktualisierte und komplett überarbeitete Auflage. Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung. Berlin.
Locke, Stefan (2010): Medizinermangel, Werben bis der Arzt kommt. http://www.faz.net/s/Rub8E1390D3396F422B869A49268EE3F15C/Doc~EDCB95B70F6164E96B5DC2B2BDD015B35~ATpl~Ecommon~Scontent.html, letzter Zugriff 15.01.2011.
Ohne Verfasser (2010): Verbände legen Studie vor, Mangelware Mediziner. http://www.tagesschau.de/inland/aerztemangel108.html, letzter Zugriff 15.01.2011.
hne Verfasser (2010): Ärztemangel: Keine Entwarnung in Sicht. http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/42583/Aerztemangel_Keine_Entwarnung_in_Sicht.htm, letzter Zugriff 15.01.2011.
Schultz, Tanjev (2010): Anerkennung ausländischer Abschlüsse Erleichterungen für Einwanderer. http://www.sueddeutsche.de/karriere/annerkennung-auslaendischer-berufsabschluesse-qualifizierte-einwanderer-1.1012995, letzter Zugriff 15.01.2011.

Zitierweise
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IKUD® Seminare (Erscheinungsjahr): „Titel des Textes “, unter: https://www.ikud-seminare.de/LINKNAME.HTML (abgerufen am xy.xy.xxxy).

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