Kulturschock

27. September 2010

Veröffentlichungen

Kulturschock – Inhalte

1.    Einleitung – Kulturschock

Die Tatsache, dass sich selbst diejenigen Individuen, die sich innerhalb ihrer eigenen Kultur auf sicherem Parkett bewegen – so zum Beispiel Expatriates, Diplomaten und Geschäftsleute -, sich in einer anderen Kultur hilflos wie ein Kind fühlen weist auf die komplexen Anforderungen interkultureller Begegnungssituationen hin.1

Auslandseinsätze stellen verschiedenste Anforderungen an die Betroffenen. Diese werden häufig mit andersartigen politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen konfrontiert, auf die sie nur zum Teil vorbereitet sind.2

Das Verhalten und Denken wie auch Konstrukte von „Leben“ und „Arbeit“ sind kulturell geprägt. Auch Einstellungen zu Arbeitsabläufen, Organisationsstrukturen und Management können sich von Kultur zu Kultur und von Land zu Land unterscheiden und Auslandsaufenthalte erschweren.3 Nicht selten kommt es zu gravierenden interkulturellen Missverständnissen und Krisensituationen, die bei den Betroffenen einen Kulturschock auslösen. Was aber ist ein Kulturschock und wie äußert er sich?

2.    Überlegungen zum Phänomen „Kulturschock“

Regeln des sozialen Umfeldes, Verhandlungsstrategien und kulturelle Besonderheiten werden zum Teil bei interkulturellen Trainings bereits im Vorfeld vermittelt oder können relativ schnell erlernt werden, sofern interkulturelle Kompetenzen vorhanden sind. Auch kann es während des Aufenthalts zu einer Anpassung an andere Kommunikationsformen, Beziehungsmuster und Organisationsformen kommen.4

Das Eisberg-Modell

Berücksichtigt man das häufig angeführte Eisberg-Modell, nach dem etwa Sprache, Kleidungsgebräuche, Essgewohnheiten, Verhaltensweisen usw. als sichtbare Spitze aus dem Wasser ragen, während unter dem Wasserspiegel Werte, Normen, Grundannahmen etc. verborgen sind,5 wird allerdings deutlich, dass eine Vorbereitung auf Auslandseinsätze häufig vor allem die Oberfläche betreffen. Die Vorbereitungen erleichtern dem Reisenden zwar die Eingewöhnung in einem fremden Land, können ihn jedoch nicht davor bewahren, sich zwangsläufig auch mit anderen Werten und Weltanschauungen auseinanderzusetzen. Dies kann dazu führen, dass die anfängliche Euphorie in einen „Kulturschock“ umschlägt, vor allem, wenn es starke Differenzen zwischen Erwartungen und erlebter Realität gibt.6

Kulturschock und kulturelle Werte

Ausgelöst wird der Kulturschock häufig durch Fehlinterpretationen, aber auch durch Projected Similarities.7 Andere Gründe sind kulturspezifische Wahrnehmungen (von Zeit, Distanz, Raum, etc.), Denkweisen (logisch, abstrakt, induktiv,…) und Sprache als Mittel der Kategorisierung der Erfahrungswelt.8 Dies alles sind Aspekte, die sich auf interkulturelle Interaktionen auswirken, genauso wie non-verbale Kommunikation und Verhaltensstandards.9 Erschwerend wirkt, dass es zwar universal geltende non-verbale Signale gibt, manche sich aber doch – ohne dass es den Menschen bewusst ist – unterscheiden.10 So nehmen unterschiedliches Empfinden von Pünktlichkeit, Nähe, Körper- und Augenkontakt, Gesprächstempo und –lautstärke etc. bedeutenden Einfluss auf den Verlauf interkultureller Gesprächssituationen.11

Folgt man dem Niederländer Geert Hofstede, sind es vor allem die Wertorientierungen, die von entscheidender Bedeutung für die Interaktion sind.12 Besonders prädestiniert für einen Kulturschock sind somit interkulturelle Kontaktsituationen, die tiefgehende Werte tangieren.

3.    Wissenschaftliche Erklärungen zum Kulturschock

Die erste Wissenschaftlerin, die sich mit dem Phänomen des Kulturschocks auseinandersetzte, war die US-Anthropologin Cora DuBois 1951. Kalvero Oberg veröffentlichte dann im Jahr 1954 einen Ansatz, der bis heute in weiten Kreisen Verwendung findet: Er führte eine Theorie ein, die auf vier Phasen basiert: 1. Honeymoon, 2. Krise, 3. Erholung und 4. Anpassung an die andere Kultur. Damit vereinte der Ansatz von Oberg erstmalig sowohl die Symptome von Kulturschock wie auch den Prozess der Adaption an die andere Kultur.13

Sechs Aspekte des Kulturschocks nach Oberg

Nach Oberg gibt es zunächst sechs Aspekte, die Kulturschock kennzeichnen: 1. Anstrengung in der Anpassung an eine andere Kultur; 2. Gefühle des Verlusts und Deprivation bezogen auf Freunde, Status, Position, etc.; 3. Gefühle des Abgelehntwerdens; 4. Rollen-, Wert- und Identitäts-Verwirrungen; 5. Ängste, Missfallen und Wut gegenüber ungewohnten Praktiken und 6. Gefühle der Hilflosigkeit bezüglich des Umgangs mit der neuen Umgebung.14

Phasen des Auslandsaufenthalts

Die Phasen, die während des Auslandsaufenthaltes durchlaufen werden, wurden von Oberg 1960 detailliert beschrieben: Nach einer ersten Phase, der sogenannten honeymoon phase, in der die neue Umgebung als aufregend, positiv und stimulierend empfunden und das neue Leben und der neue Job durchweg positiv empfunden wird,15 folgt irgendwann die zweite Phase, der culture shock, wenn die Person mit fremdkulturellem Hintergrund merkt, dass doch nicht alles so ist, wie er es erwartet hatte, und bekannte Orientierungsmuster nicht mehr vorhanden sind. Oberg erklärt hierzu, dass dies mit einem allgemeinen Unwohlsein, aber auch mit Orientierungslosigkeit und Hass auf alles Fremde einhergehen kann.16

Die dritte Phase, die sogenannte recovery phase, ist gekennzeichnet durch einen Aufschwung: der Betroffene fängt an zu akzeptieren, dass er ein Problem hat, mit dem er sich auseinandersetzen muss, fängt an, Kompromisse zu machen und seine übertriebenen Erwartungen an die Realität anzupassen. Die vierte und letzte Phase nach Oberg ist die adjustment phase, die Anpassungs-Phase. In dieser lernen die Menschen, trotz eines fremden Umfeldes effektiv zu arbeiten, mit Einschränkungen zurechtzukommen, Dinge anders als gewohnt zu behandeln und somit flexibler mit Ungewohntem umzugehen.17

Dieses Phasen-Modell Obergs ist gemäß seiner anfänglichen Euphorie, dem folgenden Abfallen und dem Aufschwung als U-Kurve bekannt geworden. Später wurde diese Kurve mit Bezug zu Oberg zu einer W-Kurve erweitert, nachdem erkannt worden war, dass bei zeitlich begrenztem Auslandsaufenthalt auch die Heimkehr einen reverse culture shock, einen umgekehrten Kulturschock, nach sich ziehen kann, bei dem ähnliche Symptome wie beim ersten Kulturschock auftreten können. Dies ist vor allem damit zu erklären, dass das Denken der betroffenen Person sich durch ihre Erfahrung des Kulturschocks geändert hat und Erwartungen an die Heimatkultur nicht erfüllt werden. Das Gefühl, nicht verstanden zu werden und mangelndes Interesse auf Seiten der Daheimgebliebenen, können dies noch verstärken.18

Diese Anpassungsvorgänge, die so oder ähnlich von Oberg und anderen Autoren beschrieben werden, könnten sich besonders bei Menschen als problematisch herausstellen, die bereits in der Phase des Kulturschocks zurückkehren, ohne sich mit der Situation auseinandergesetzt zu haben. Dies führt wahrscheinlich zu langfristig anhaltenden negativen Gefühlen und Frustration bezüglich des besuchten Landes.19

Sechs Variablen nach Furnham und Bochner

Furnham und Bochner  bestimmten 1986 sechs Variablen, die den Umgang mit einer bisher fremden Kultur bestimmen: 1. Kontrollfaktoren (Wieviel Kontrolle hat jemand darüber, Erfahrungen mit der anderen Kultur zu bestimmen?), 2. intrapersonale Faktoren (Alter, Art der Begegnung, Sprachkenntnisse, Frustrationstoleranz, Offenheit, Auftreten, etc.), 3. biologische Faktoren (physische Kondition, Gesundheitszustand, etc.), 4. interpersonale Faktoren (Unterstützung von Zuhause und im neuen Kontext, Einsamkeit, etc.), 5. Raum-Zeit-Faktoren (wohin geht es und für wie lange?) und 6. geopolitische Faktoren (mögliche internationale, nationale, regionale oder lokale Spannungen).20

Die Autoren beschreiben in ihrem Buch, dass Kulturschock vor allem ausgelöst werden kann, wenn es kaum erwartet wird, auch in dem Sinne, dass durch den Kontakt mit einer fremden Kultur die eigene plötzlich als negativ empfunden werde. Sie bieten folgende Definition von “Kulturschock”: “Culture shock is a product of lacking an interpretation system based on the new culture. Other people’s behavior is experienced as confusing and even nonsensical. Perhaps just as troubling is that one’s own behavior does not produce the desired results.”21 Zudem stellen Furnham und Bochner fest: “Culture shock is a stress reaction where salient psychological and physical rewards are generally uncertain and hence difficult to control or predict. Thus a person is anxious, confused and apparently apathetic until he or she has had time to develop a new set of cognitive constructs to understand and enact the appropriate behavior.”22 Als Symptome des Kulturschocks werden in der Publikation unter anderem exzessives Händewaschen und besondere Empfindlichkeit bezüglich Trinkwasser, Essen und Schlafgelegenheiten genannt, Angst vor physischem Kontakt mit Menschen aus der anderen Kultur, geistesabwesendes Starren, Gefühle der Hilflosigkeit, Wunsch nach Kontakt mit Leuten der gleichen Nationalität, starker Ärger z.B. über Verspätungen und andere normalerweise eher unbedeutende Ärgernisse des Alltages, Verweigerung, die Sprache des andren Landes zu lernen, große Angst um die eigene Sicherheit und Heimweh.23 Auch typisch sei neben fehlendem Selbstvertrauen das Misstrauen anderen gegenüber.24

Kulturschock und positive Effekte

Neben den negativen Gefühlen, die ein Kulturschock auslösen kann, wird von Furnham aber auch auf positive Effekte verwiesen: In einer eher kleinen Dosis seien die zunächst negativen Gefühle der anderen Kultur gegenüber förderlich für die Persönlichkeitsentwicklung und könnten dazu führen, sich neue Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen anzueignen.25 Auch Elisabeth Marx betont die Vorteile von Kulturschock: „Culture shock in all its diverse forms is completely normal and is part of a successful process of adaptation. A study of Canadian expatriates in Africa showed that those who experienced culture shock were ultimately the most effective. Expatriates who were most aware of themselves and their emotions experienced the most intense culture shock, but it was exactly because of this intense awareness of differences that they were also able to adapt more effectively later on […] Culture shock is therefore a positive sign in the road to international adaptation.”26

In der Diskussion um die Auslöser von Kulturschock stimmen die verschiedenen Autoren überein: Ausgelöst wird ihnen zufolge der Kulturschock, der als emotionale Reaktion auf etwas Unverständliches gesehen wird, durch einen Verlust von Vertrautem in der physischen Umgebung (Häuserfassade, Ladengestaltungen, Büroaufteilungen, etc.) und der sozialen Umgebung (Verhaltensregeln, Rituale, etc.).27 Dies führe zu Gefühlen der Machtlosigkeit, Bedeutungslosigkeit, Normlosigkeit, Selbstbefremdung und sozialer Isolation.28

4.    Fazit

„Kulturschock“ – dieser Begriff impliziert einen relativ kurzen, dafür aber umso heftigeren Zustand. In Wirklichkeit handelt es sich allerdings eher um einen länger währenden Prozess, der im Durchschnitt zwischen fünf und zehn Wochen andauert.29

„Kulturschock“ zeigt sich als ein Phänomen, das vor allem durch das Fehlen gewohnter Umstände ausgelöst wird, wobei verschiedenste Aspekte einen unerwarteten Auslöser darstellen können. Während es allerdings noch relativ einfach sein kann, sich auf äußere, offensichtliche Umstände einzustellen, wie z.B. die schlechtere Infrastruktur oder das ungewohnte Essen, können vor allem der Kontakt mit Menschen aus der anderen Kultur und fehlgeschlagene, missverständliche Kommunikationsversuche einen „Kulturschock“ auslösen.30 Es zeigt sich, dass der Gebrauch einer gemeinsamen (Verhandlungs-) Sprache nicht unbedingt gleichzeitig gewährleistet, dass auch ein gleiches Verständnis von Bedeutungen, Erwartungen und Handlungen besteht.31 Entscheidende Werte und Vorstellungen von den Mitgliedern der beteiligten Kulturen sind oft so verinnerlicht, dass dies in manchen Kontexten zwangsläufig zu Irritationen auf beiden Seiten führen muss.

Für erfolgreiches Zusammenarbeiten in multikulturellen Teams sind interkulturelle Analysefähigkeiten und eine für kulturelle Vielfalt sensible soziale Kompetenz somit zweifellos von entscheidender Bedeutung.32

Sarah Schmalenstroer

Quellen:

1 Vgl. Furnham, Adrian et al. The psychology of culture shock. Second edition. Philadelphia 2001.S.52.
2 Zitiert nach: Amstler, Martin. 2003. S.1.
3 Vgl. Schuppert, Dana et al. Interkulturelles Management. Abschied von der Provinzialität. Wiesbaden 1994. S.87.
4 Vgl. Marx, Elisabeth. 2001. S.22.
5 Vgl. Amster, Martin. 2003. S.12.
6 Vgl. Wittkop, Thomas. 2005. S.206 und S.210.
7 Hier liegt eine interkulturelle Überschneidungssituation vor, in der für eine bestimmte Kultur typische, selbstverständliche und als verbindlich angesehene Kulturstandards mit ähnlichen, aber abweichenden Merkmalen einer anderen Kultur in Berührung kommt. Vgl. Amster, Martin. 2003. S.12.
8 Vgl. Baumer, Thomas. 2002. S.24-32.
9 Vgl. Baumer, Thomas. 2002. S.32-36.
10 Vgl. Furnham et al. 2001. S.56.
11 Vgl. Furnham et al. 2001. S.57.
12 Vgl. hierzu: Baumer, Thomas. 2002. S.36-45.
13 Zitiert nach: Marx, Elisabeth. 2001. S.5.
14 Vgl. Marx, Elisabeth. 2001. S.5.
15 Vgl. Marx, Elisabeth. 2001. S.7.
16 Zitiert nach: Marx, Elisabeth. 2001. S.8.
17 Vgl. Marx, Elisabeth. 2001. S.8.
18 Zitiert nach: Gißke, Anne. Die Kulturschockmodelle Kalvero Obergs und Wolf Wagners im Vergleich im Hinblick auf den Kulturschock „Wiedervereinigung“. Münster 2009. 2009. S.6.
19 Vgl. Marx, Elisabeth. 2001. S.11.
20 Vgl. Furnham/Bochner. 1986. S.XIX/XX.
21 Zitiert nach: Gooderham, Paul/Odd Nordhaug. International Management. Cross-boundary challenges. Oxford 2003. S.309.
22 Zitiert nach: Furnham/Bochner. 1986. S.49.
23 Vgl. Furnham/Bochner. 1986. S.48. Übernommen aus Oberg, Kalvaro. 1960. S.176.
24 Vgl. Furnham/Bochner. 1986. S.49.
25 Vgl. Furnham/Bochner. 1986. S.50.
26 Zitiert nach: Marx, Elisabeth. 2001. S.5/6.
27 Vgl. Furnham/Bochner. 1986. S.49.
28 Vgl. Furnham/Bochner. 1986. S.49.
29 Vgl. Marx, Elisabeth. 2001. S.7.
30 Vgl. Furnham et al. 2001. S.65.
31 Vgl. Schuppert et al. 1994. S.88.
32 Vgl. Schuppert et al. 1994. S.87.

Zitierweise
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