Jahresgutachten 2015: Interkulturelle Qualifizierung gefordert

16. Juni 2015

Blog Neuigkeiten

Jahresgutachten des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR)

Einwanderungsland Deutschland: Beim Thema Migration und Integration ist die Politik am Zug, so die deutliche Botschaft des Jahresgutachtens des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR).

Die Kernbotschaften des Gutachtens bringen es auf den Punkt (siehe dazu Kernbotschaften SVR): Rechtlich und institutionell ist Deutschland ein modernes Einwanderungsland – aber in der gesellschaftlichen Integration von Zuwanderern und deren Nachkommen hat die Politik bislang versagt. Die Lösung liege im Bildungssystem, das als integrationspolitische Kerninstitution dringend umfassend aufgewertet und ausgebaut werden müsse.

„Bringschuld“ der Politik

Deutschland, so attestieren die Gutachter, verfüge mittlerweile über ein fortschrittliches migrationspolitisches Instrumentarium, das mit dem allgemein als vorbildlich eingestuften kanadischen Einwanderungsregime durchaus messen könne. Deutschland sei im Wettbewerb um ‚die Besten‘ zumindest rechtlich-institutionell sehr gut aufgestellt und damit ein modernes Einwanderungsland – dies müsse nun aber nach dem Vorbild der klassischen Einwanderungsländer auch noch entsprechend vermarktet werden, und zwar sowohl nach außen als auch nach innen: „Die veränderte migrations- und integrationspolitische Rahmensetzung muss der Bevölkerung in Deutschland offensiv vermittelt werden“, so das Fazit der Studie. Hier liege auf Seiten der Politik eine „Bringschuld“ vor: „Während Politik manchmal durch Veränderung der rechtlichen Bestimmungen nur nachvollzieht, was in breiten Teilen der Bevölkerung längst akzeptiert und ‚angekommen‘ ist, verhält es sich bei den hier behandelten Themen Migration und Integration genau umgekehrt“.

Integrationspolitik der Vergangeheit

Ein kurzer historischer Rückblick zeigt einige Gründe für die nach wie vor zögerliche Akzeptanz und Integration von Zugewanderten in die deutsche Gesellschaft. Diese sei unter anderem auch begründet in einer „Realitätsverweigerung in der Vergangenheit“: Migrationspolitische Konzepte wie „Rückkehrförderung“ und ‚Zuwanderung auf Zeit‘ hätten in Deutschland deutlich länger als in anderen Einwanderungsländern die Entwicklung nachhaltiger integrationspolitischer Maßnahmen blockiert bzw. diese gar nicht erst auf die Agenda gebracht. Diese Versäumnisse müssten nun dringend aufgeholt werden.

Mangelnder Zugang zu Bildung erzeugt soziale Teufelskreise

In ähnlich deutlichen Worten wird die soziale Konsequenz einer jahrzehntelangen mangelhaften und kurzsichtigen Steuerung von Zuwanderung beschrieben. Lange Zeit habe sich die Anwerbung von Zuwanderern in Deutschland auf eher niedrig qualifizierte Arbeitskräfte beschränkt, die hauptsächlich einfache und oft „von der einheimischen Gesellschaft verschmähte Arbeiten“ ausführen sollten. Während dieses Phänomen nicht auf Deutschland beschränkt war bzw. ist, sei in anderen Ländern (beispielsweise England, Schweden und den Niederlanden) dafür gesorgt worden, dass den Kindern geringqualifizierter Zuwanderer ein zukunftsfähiger Zugang zum Bildungssystem und damit ein Bildungsaufstieg ermöglicht wurde. In Deutschland dagegen habe sich „ eine neue Unterschicht aus Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gebildet, räumlich manifestiert und sozial verfestigt“, deren „prekäre Sozialmilieus“ von Generation zu Generation weitergegeben werden. Nur selten, so das ernüchternde Fazit, gelinge ein Ausbruch aus diesem „Teufelskreis“.

Der Kindergarten: Eine Bildungseinrichtung mit zukunftstragender Verantwortung

Die Lösung liegt laut den Autoren der Studie in der Beseitigung der oft massiven „Startnachteile“ der Kinder von Zugewanderten und damit hauptsächlich in einer Aufwertung und Umstrukturierung des Bildungssystems, das nach wie vor DIE integrationspolitische Kerninstitution bleibt. Die Beherrschung der Landessprache wird hier als die zentrale Voraussetzung identifiziert; es folgt die logische – und im Übrigen bereits seit Jahrzehnten angemahnte – Forderung nach einer „durchgängigen und die Bildungsbiografie kontinuierlich begleitenden Sprachbildung in Deutsch“, die bereits im Kindergarten beginnen und an den Schulen zum Standard gehören müsse, um Schritt für Schritt die notwendige Sprachkompetenz aufzubauen, die auch eine weiterführende Bildung und somit den sozialen Aufstieg ermöglichen. Auch die Deutschkenntnisse der „Seiteneinsteiger“, also der Kinder und Jugendlichen, die in höherem Alter ins deutsche Bildungssystem eintreten, müssen „gezielt gefördert werden“.

Interkulturelle Qualifizierung für Lehrkräfte ist unverzichtbar

Bildung ist, wie hinlänglich bekannt, bei weitem nicht auf das Einpauken von Zahlen, Daten und Fakten beschränkt, sondern beinhaltet – und wird sogar erst ermöglicht durch – eine soziale und kulturelle Einbettung des Bildungsprozesses. So überrascht es nicht, dass der Sachverständigenrat in seinem Gutachten eine umfassende interkulturelle Qualifizierung in den pädagogischen Berufen einfordert. Angesprochen sind somit neben Lehrerinnen und Lehrern selbstverständlich auch Erzieherinnen und Erzieher. Sie alle stehen ständig aufs Neue vor der Herausforderung, in der Zusammenarbeit mit Kindern, deren Eltern und ihren eigenen Kollegen erfolgreich und produktiv mit sprachlicher, sozialer und kultureller Vielfalt umzugehen. Schul- und Unterrichtsentwicklung müssen interkulturell geplant und umgesetzt werden, zu diesem Schluss kommen die Autoren der Studie.

Links und weitere Hinweise zum Thema interkulturelle Qualifizierung

Sie lesen gerade: Jahresgutachten 2015: Interkulturelle Qualifizierung gefordert

Erfahrungen & Bewertungen zu IKUD Seminare - Interkulturelles Training & Trainerausbildung

Logo ESF Logo DGIKT Logo IQ dakks_logo Landesschulamt-LSA Charta-Vielfalt