Interkulturelle Kommunikation

30. März 2011

Veröffentlichungen

„Man kann nicht nicht interkulturell kommunizieren“
Frei nach Watzlawick

Einleitung – interkulturelle Kommunikation

Die Folgen der Globalisierung lassen sich in vielen Bereichen des täglichen Lebens wieder finden. Besonders deutlich zeigen sich die Effekte der Globalisierung in der Zunahme und Beschleunigung internationaler Migrationsbewegungen. Des Weiteren kommt es zu umfassenden Veränderungen in der Gesellschaft in vielen Bereichen: Politik, Wirtschaft, Kultur. So entstehen beispielsweise im wirtschaftlichen Kontext neue Organisationsformen, es kommt vermehrt zu internationalen Kooperationen und es arbeiten immer mehr Menschen im Ausland bzw. Migranten1 im Inland. Inzwischen besitzt jede fünfte Person in Deutschland einen Migrationshintergrund.2

Infolge dieser Entwicklungen nimmt das Zusammentreffen zwischen Menschen verschiedener Kulturen in den letzten 100 Jahren unweigerlich zu. Damit steigen sowohl die Bedeutung der interkulturellen Kommunikation als auch das Interesse an diesem Thema.3 In der Interaktion mit Menschen aus anderen kulturellen Räumen machen wir die Erfahrung, dass sich nicht nur die Sprache unterscheidet, sondern auch bestimmte kulturelle Muster und Verhaltensweisen, die uns selbstverständlich vorkommen, offensichtlich nicht überall genau so gelten. Aufgrund von fehlendem Wissen und Verständnis für andere Kulturen können Missverständnisse oder sogar Konflikte entstehen.4 Daher ist es wichtig, sich über einige Eigenschaften der interkulturellen Kommunikation Gedanken zu machen und Grundkenntnisse sowie Kernkompetenzen anzueignen.

Kommunikation

Das Wort Kommunikation leitet sich vom dem lateinischen Wort „communicatio“ ab und bedeutet Verbindung, Mitteilung. Kommunikation ist demnach der gemeinsame Austausch von Informationen. Dies geschieht direkt durch Sprache (verbale Kommunikation) oder indirekt durch den Körper (nonverbale Kommunikation). Der Kommunikationsverlauf hat in der Regel folgenden Ablauf: Ein Sender (eine Person) sagt oder teilt auf eine andere Weise etwas mit (eine Aussage oder Message), worauf sich die Verständigung bezieht. Diesen Sachverhalt nimmt eine andere Person (Empfänger) dann auf.5

Verbale und nonverbale Kommunikation

Zum verbalen Bereich der Kommunikation gehören nicht alleine die Sprache bzw. die Worte, sondern genauso die so genannten paralinguistischen Phänomene, wie beispielsweise Tonfall, Redetempo, Pausen, Lachen und Seufzen.6

Die nonverbale Kommunikation ist sehr bedeutend in der Interaktion mit anderen Menschen. Sie kann die sprachliche Kommunikation unterstützen, ihr widersprechen oder sie sogar ersetzen. Zu ihrer wichtigsten Formen zählt man beispielsweise Gestik, Mimik, Berührungen und die Nutzung des Raumes (Proxemik), d.h. Abstand und Nähe der Kommunikationspartner.7

Kultur

Es gibt verschiedene Definitionen für den Begriff Kultur. So versteht man darunter nicht nur eine Verfeinerung des Geistes, wie Bildung, Kunst und Literatur. Unter Kultur versteht man im breiteren Sinne ebenso gewöhnliche Dinge, die den Alltag prägen, wie beispielsweise Ernährung, Kleidung, bestimmte Kommunikationsformen, Familienstruktur, Hierarchieorien-tierung und vieles andere.

Die Kultur einer Gemeinschaft bildet sich in einem langen Entwicklungsprozess und unterliegt einem ständigen Wandel. Vermittelt wird sie von Geburt an unter anderem durch Kommunikation. Die Eingliederung in eine bestehende Gemeinschaft und damit in die bestimmte Kultur ist mit dem Erlernen von spezifischen Konzepten, wie Werten, Normen, Verhaltensmustern, aber auch Sprache verbunden.8

Durch die Sozialisation werden wir auch kulturell intensiv geprägt. Somit ist es verständlich, dass einige Menschen zunächst davon ausgehen, dass die Regeln der eigenen Kultur überall in der Welt gelten. Diese Auffassung wird als Ethnozentrismus bezeichnet. Die Regeln und Normen der eigenen Kultur werden als Maßstab an andere Kulturen angelegt. Die eigene Kultur hält man für normal und richtig, die fremde für eigenartig und falsch.9

Interkulturelle Kommunikation & Kulturstandards

Kulturspezifische Denkstrukturen und die daraus resultierenden Handlungsmuster werden als kulturelle Standards bezeichnet. Diese entstehen durch die Auseinandersetzung der Menschen mit spezifischen sozialen, politischen und ökonomischen Besonderheiten der jeweiligen Herkunftsregion. Dadurch, dass man in eine bestimmte Kultur hineingeboren wird und Lernprozesse schon in der Kindheit beginnen, sind die Kulturstandards zunächst implizit bzw. unbewusst verinnerlicht. Beispielsweise ist die Auffassung, wie man mit Konflikten umgeht, kulturabhängig. In Deutschland versucht man in der Regel, sich mit vorhandenen Konflikten offen auseinander zu setzen, indem man diese direkt anspricht. In einigen asiatischen Ländern wäre dies nur bedingt möglich, da man durch eine offene Auseinadersetzung dem Gegenüber einen Gesichtsverlust zufügen würde. Andere Beispiele für Kulturstandards sind Autoritätsdenken, körperliche Nähe, Pflichtbewusstsein, Individualität und Familienverbundenheit.10

Interkulturelle Kommunikation & Kulturdimensionen von Hofstede

Genannt sei an dieser Stelle die Forschung Hofstedes, denn er gilt als einer der Pioniere der empirischen Erforschung von Kulturerfassungsansätzen. Auch wenn heute seine Arbeit durchaus kontrovers diskutiert wird, sind seine Ergebnisse zum einen weit verbreitet, zum anderen bieten sie einen nachvollziehbaren Einstieg in das Thema. Der holländische Sozialwissen-schaftler und Organisationsanthropologe führte in den Jahren 1968 und 1972 Befragungen bei den IBM-Mitarbeitern in 53 Ländern durch. Mit Hilfe der Ergebnisse formulierte er vier Kulturdimensionen. Eine fünfte Dimension fügte er 1991 hinzu. Mit Hilfe dieser Dimensionen kann man verschiedene Kulturen im Verhältnis zu einander messen und vergleichen. Folgende fünf Kategorien stellte Hofstede auf:

  1. Machtdistanz – Hierbei geht es darum, inwieweit in der Gesellschaft akzeptiert und erwartet wird, dass eine ungleiche Machtverteilung existiert.
  2. Individualistische vs. kollektivistische Gesellschaften – In individualistisch geprägten Kulturen steht das Individuum selbst im Zentrum. Eigenschaften wie Unabhängigkeit, persönliche Ziele, Selbstbestimmung haben die höchste Priorität. In kollektivistisch ausgeprägten Kulturen, steht das Wir-Gefühl im Vordergrund. Man sieht sich in erster Linie als ein Teil der Gruppe, wobei das Gruppeninteresse im Mittelpunkt steht.
  3. Maskulinität vs. Feminität – Dabei geht es darum, inwieweit in der Gesellschaft die eher männlich bzw. weiblich besetzten Eigenschaften vorherrschen. „Typisch“ männliche Eigenschaften sind in diesem Fall Erfolg, Leistung, Konkurrenzbereitschaft, die „typisch“ weiblichen sind dagegen Fürsorglichkeit, Kooperation, Pflege des sozial-emotionalen Klimas.
  4. Unsicherheitsvermeidung – Damit ist gemeint, inwieweit die Menschen bereit sind, Risi-ken einzugehen. In Kulturen, in denen die Menschen sich durch Situationen mit unvorhersehbarem Ausgang bedroht fühlen, wird versucht durch Gesetze und Vorschriften diesen Unsicherheiten entgegenzuwirken.
  5. Langzeit- bzw. Kurzzeitorientierung – Bei dieser Dimension geht darum, welcher zeitliche Planungshorizont in der Kultur vorherrschend ist. Werte, von denen man erwartet, dass sie in einer langfristigen ausgerichteten Gesellschaft vorherrschen, sind beispielsweise Sparsamkeit und Beharrlichkeit. Auf der anderen Seite stehen Werte wie Flexibilität und Egoismus.11

Die Forschung in diesem Feld ist alles andere als veraltet. Hofstede entwickelt seine Theorien stets weiter. In seinem letzten Buch12 formuliert er sogar eine neue Dimension, die den Namen „Indulgence versus Restraint“ trägt.

Interkulturelle Kommunikation

Der Begriff „Interkulturelle Kommunikation“ bezeichnet Verständigung zwischen Menschen, die verschiedenen Kulturen angehören. Die damit verbundenen Verhaltensmuster erlernt man bereits in der frühesten Kindheit. Daraus ergibt sich, dass bei der Interaktion mit Angehörigen der gleichen kulturellen Prägung, die spezifischen Kommunikationsschemata bekannt sind und der Prozess weitgehend unbewusst abläuft.13

Die Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen ist daher nicht nur aufgrund unterschiedlicher Sprachen so schwierig, sondern auch, weil die jeweiligen kulturellen Standards den Ablauf beeinflussen. Daher ist für den Erfolg der interkulturellen Kommunikation von entscheidender Bedeutung, dass man sich dieser Verschiedenheiten bewusst ist.14

Eine optimale interkulturelle Kommunikation kann durch einen Lernprozess ermöglicht werden, in dessen Zuge man die fremde Kultur als solche wahrnimmt und sich bewusst auf die Unterschiedlichkeit einlässt. Die nonverbale Verständigung spielt in der interkulturellen Kommunikation ebenfalls eine sehr große Rolle, denn sie ist genauso durch kulturelle Muster beeinflusst. Ihre besondere Bedeutung erhält die nonverbale Kommunikation nicht zuletzt dadurch, dass Menschen aufgrund der reduzierten sprachlichen Kommunikationsmöglichkeiten im interkulturellen Kontext dazu tendieren, vermehrt zu gestischen und mimischen Verständigungselementen zu greifen. Und hier hält man die eigenen nonverbalen Muster oftmals fälschlicherweise ebenfalls für natürlich und universell.15

Generell betrachtet gibt es bei der interkulturellen Kommunikation viel Raum für Missverständnisse, aber natürlich liegt auch ein enormes Potential in der Begegnung – sobald die „Barrieren“ überwunden sind.

Fazit

In unserer globalisierten Welt ist niemand von Kontakten mit Menschen aus anderen Kulturen unbeeinflusst. Interkulturelle Kommunikation findet sowohl im alltäglichen wie auch im beruflichen Leben statt. Die Verständigung zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen kann unter Umständen mit großen Schwierigkeiten verbunden sein. Erfolgreiche interkulturelle Kommunikation ist jedoch erlernbar. Zunächst muss man allerdings die möglichen Konfliktfelder kennen, bevor man diese beseitigen kann.16

Der Erfolg interkultureller Kommunikation liegt also nicht nur darin, eine andere Sprache zu erlernen. Vielmehr sollte man bedenken, dass jeder Mensch das „Produkt“ der Sozialisation seiner Kultur ist. Um mit Menschen anderer Kulturen möglichst angemessen kommunizieren zu können, sollte man lernen, verbale und nonverbale Signale des Gegenübers zu verstehen und zu dekodieren. Dazu sind neben einer positiven Grundeinstellung auch grundlegende Kenntnisse der dahinterstehenden kulturellen Eigenschaften und Strukturen notwendig. Diese können beispielsweise im Rahmen von interkulturellen Trainings angeeignet werden.

Fußnoten

1 In dem vorliegenden Text wird ohne Diskriminierungsabsichten vorwiegend die maskuline Form verwendet, um die Lesbarkeit zu erleichtern. Sollte es sich ausschließlich um weibliche Personen handeln, so wird dies sprachlich deutlich gemacht.
2 Bundesministerium des Inneren, Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Bundesregierung, 2008.
3 Vgl. Maletzke, G., Interkulturelle Kommunikation, Zur Interaktion zwischen Menschen verschiedener Kulturen, Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH, 1996, S. 9.
4 Vgl. Broszinsky-Schwabe, E., Interkulturelle Kommunikation, Missverständnisse – Verständigung, 1. Auflage, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2011, S. 15-16.
5 Vgl. Schulz von Thun, F., Miteinander Reden, Störungen und Klärungen, Allgemeine Psychologie der Kommunikation, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1999, S. 25ff.
6 Vgl. ebd. S. 22.
7 Vgl. Heringer, H. J., Interkulturelle Kommunikation, Grundladen und Konzepte, KG. 2. Auflage. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co, 2007, S. 81.
8 Vgl. Broszinsky-Schwabe, E., Interkulturelle Kommunikation, Missverständnisse – Verständigung, 1. Auflage, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2011, S. 75-76.
9 Vgl. ebd.  S. 39.
10 Vgl. Kumbier, D./ Schulz von Thun, F., Interkulturelle Kommunikation: Methoden, Modelle, Beispiele, 3. Auflage, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2009, S. 74-75. und Heringer, H. J., Interkulturelle Kommunikation, Grundladen und Konzepte, KG. 2. Auflage. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co, 2007, S. 182.
11 http://www.geert-hofstede.com, letzter Zugriff am 21.03.11.
12 Hofstede, Geert/Hofstede, Gert Jan/Minkov, Michael (2010): Cultures and Organizations – Software of the Mind: Intercultural Cooperation and Its Importance for Survival, New York: Mcgraw-Hill Professional.
13 Vgl. Broszinsky-Schwabe, E., Interkulturelle Kommunikation, Missverständnisse – Verständigung, 1. Auflage, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2011, S. 15, 20, 66.
14 Vgl. ebd. S. 11.
15 Vgl. ebd. S. 40 und 86.
16 Vgl. ebd. S. 9.

Literaturverzeichnis:

Broszinsky-Schwabe, Edith (2011): Interkulturelle Kommunikation, Missverständnisse – Verständigung. 1. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Bundesministerium des Inneren (2008): Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Bundesregierung.

Heringer, Hans Jürgen (2007): Interkulturelle Kommunikation, Grundladen und Konzepte, KG. 2. Auflage. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co.

Kumbier, Dagmar/ Schulz von Thun, Friedemann (2009): Interkulturelle Kommunikation: Methoden, Modelle, Beispiele. 3. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH.

Maletzke, Gerhard (1996): Interkulturelle Kommunikation, Zur Interaktion zwischen Menschen verschiedener Kulturen. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH.

Schulz von Thun, Friedemann (1999): Miteinander Reden, Störungen und Klärungen, Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.

Zitierweise

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